Fachanwalt (Deutschland)

Die Bezeichnung Fachanwalt ist ein Titel, der einem Rechtsanwalt in Deutschland verliehen werden kann und dem Nachweis dienen soll, auf einem bestimmten Rechtsgebiet über besondere Kenntnisse und Erfahrungen zu verfügen (§ 43c BRAO). Die Voraussetzungen zum Erwerb und Führen der Fachanwaltsbezeichnung sind in der Bundesrepublik Deutschland in der Fachanwaltsordnung (FAO) geregelt.

Es gibt derzeit 23 verschiedene Fachanwaltschaften. Nach der Statistik der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) wurden per 1. Januar 2017 in Deutschland 53.866 Fachanwaltsbezeichnungen verliehen[1]. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bis zu drei Fachanwaltsbezeichnungen geführt werden dürfen, so dass die Zahl der Fachanwälte mit 43.419 [2] darunter liegt. Davon ausgehend, führen aber 26,41 % der Rechtsanwälte in Deutschland mindestens eine Fachanwaltsbezeichnung.

Eine Studie des Soldan Instituts zeigt, dass Fachanwälte im Durchschnitt um vierzehn Euro höhere Stundensätze berechnen als Kollegen ohne Fachanwaltsbezeichnung.[3]
Inhaltsverzeichnis

Fachanwaltsbezeichnung

Die Berechtigung zum Führen der Fachanwaltsbezeichnung wird von der zuständigen Rechtsanwaltskammer nach Maßgabe der Fachanwaltsordnung (FAO) verliehen. Hierzu haben die jeweiligen Rechtsanwaltskammern sogenannte Fachausschüsse gebildet, die mit Rechtsanwälten besetzt sind. Diese prüfen die Anträge auf Erlaubnis zum Führen einer Fachanwaltsbezeichnung und geben ein Votum gegenüber dem Vorstand der jeweiligen Rechtsanwaltskammer zur Entscheidung über den Antrag ab. Es gibt Fachausschüsse, die von mehreren Rechtsanwaltskammern gebildet werden.

Ein Rechtsanwalt darf bis zu drei Fachanwaltsbezeichnungen führen. Zu deren Erwerb muss er innerhalb der letzten sechs Jahre vor Antragstellung mindestens drei Jahre als Rechtsanwalt zugelassen sein und nachweisen, auf dem betreffenden Rechtsgebiet über besondere theoretische Kenntnisse und praktische Erfahrungen zu verfügen. Als Nachweis der besonderen theoretischen Kenntnisse werden in der Regel die Teilnahme an einem 120 Stunden umfassenden Kurs, und drei bestandene Leistungskontrollen (mit in der Regel fünfstündigen Klausuren) gefordert. Von einem zusätzlich notwendigen „Fachgespräch“ (mündliche Prüfung) kann abgesehen werden, wenn dies nach dem Gesamteindruck des Fachanwaltsausschusses nicht notwendig erscheint. Durch die Rechtsprechung des BGH[4] hat das Fachgespräch in der Praxis nur noch eine äußerst geringe Bedeutung.

Zum Nachweis der praktischen Erfahrungen ist eine bestimmte Anzahl von bearbeiteten Fällen aus dem jeweiligen Fachgebiet nötig. Die Spanne reicht von 50 Fällen im Steuerrecht oder Informationstechnologierecht bis hin zu 160 Fällen im Verkehrsrecht. Von diesen Fällen muss ein bestimmter Anteil das gerichtliche Verfahren erreicht haben. Die Spanne der erforderlichen gerichtlichen Fälle reicht von 10 im Versicherungsrecht bis zu 60 im Familien- und im Verkehrsrecht. Lehnt die zuständige Rechtsanwaltskammer nach einem entsprechenden Votum des zuständigen Fachausschusses der Kammer den Antrag ab, kann der Fachanwaltsaspirant dagegen vor dem zuständigen Anwaltsgerichtshof klagen. In zweiter Instanz kann der Bundesgerichtshof die Entscheidung des Anwaltsgerichtshofs überprüfen.
Geschichte der Fachanwaltschaften

Die erste Fachanwaltschaft ist im Jahr 1937 für das Steuerrecht eingeführt worden. 1986 folgten in der Bundesrepublik die Fachanwaltschaften für Arbeits-, Sozial- und Verwaltungsrecht durch den Bundesgesetzgeber. Die Einführungen dieser vier Fachanwaltschaften wurden damit begründet, dass es mit der Finanz-, Arbeits-, Sozial- und Verwaltungsgerichtsbarkeit und dem jeweiligen speziellen Verfahrensrecht ein Bedürfnis für entsprechend spezialisierte Fachanwälte gebe. Die Diskussionen über darüber hinaus erforderliche Spezialisierungen hatten die Einführung weiterer Fachanwaltschaften zur Folge. Seit dem Jahr 1994 kann die Satzungsversammlung der Bundesrechtsanwaltskammer aufgrund des neu geschaffenen § 43c BRAO auch durch Satzung neue Fachanwaltschaften schaffen. 1997 hat die Satzungsversammlung die Fachanwaltschaften für Familien- und für Strafrecht, 1999 für Insolvenzrecht und seit 2003 eine Reihe weiterer Fachanwaltschaften eingeführt.
Ausbildung

In Deutschland beginnt die Ausbildung zu einem Rechts- sowie Fachanwalt zunächst gleich. Anfangs ist ein Studium der Rechtswissenschaften nötig, an welches das erste Staatsexamen anschließt. Nach erfolgreichem Abschluss beginnt das zweijährige Rechtsreferendariat, auch als juristischer Vorbereitungsdienst bezeichnet. Währenddessen müssen die folgenden Stationen durchlaufen werden[5]: Zivilrechts-, Strafrechts-, Verwaltungs-, Anwalts- und die Wahlstation. Nach Abschluss dieses Referendariats folgt das zweite Staatsexamen. Sobald dieses bestanden wurde, darf sich der Absolvent Volljurist oder Assessor iuris nennen. Erst anschließend ist eine Fachanwaltsausbildung möglich.
Aufgaben und Fortbildung

Mit der Einführung von Fachanwaltschaften sollte den Rechtsanwälten der Anlass zur strukturierten Spezialisierung und Fortbildung gegeben werden, die gegenüber den zuständigen Rechtsanwaltskammern auch jährlich nachgewiesen werden muss. Die Veränderungen im Rechtsdienstleistungsmarkt erfordern eine Spezialisierung, die wirtschaftlich nur vernünftig ist, wenn auf sie auch hingewiesen werden darf.[6] Auch der keine Fachanwaltsbezeichnung führende Rechtsanwalt unterliegt zwar der ständigen Fortbildungspflicht, bislang gibt es hierzu aber keine berufsrechtlichen Konkretisierungen oder Dokumentationspflichten. Es wird diskutiert, auch hier die Fortbildungspflicht zu konkretisieren, aber die Fortbildung von Fachanwälten darauf anzurechnen. Zudem sollte die Möglichkeit, mit der Bezeichnung Fachanwalt zu werben, den potentiellen Mandanten die Auswahl eines geeigneten Anwaltes erleichtern. Infolge der Pflicht zur jährlichen Fortbildung ist das Angebot von Seminaren und Seminaranbietern erheblich angewachsen. Die Möglichkeit, die Fortbildungspflicht auch durch wissenschaftliche Veröffentlichungen im jeweiligen Rechtsgebiet nachzuweisen, hat die Bereitschaft zum Publizieren in der Fachanwaltschaft deutlich erhöht, auch wenn der überwiegende Anteil der Anwaltschaft den Besuch von Seminaren bevorzugt. Der zunehmende Anteil von Rechtsanwälten, die eine Fachanwaltschaft führen dürfen, und die zunehmende Nachfrage von Rechtssuchenden nach einem entsprechenden Fachanwalt zeigen, dass der Markt die Fachanwaltschaften als Qualitätsmerkmal angenommen hat.

Ab dem Jahr des Beginns des Fachanwaltskurses muss sich der Rechtsanwalt jährlich auf dem Gebiet der Fachanwaltsbezeichnung fortbilden, indem er mindestens 15 Seminarstunden (bis 1. Januar 2015 jährlich 10 Seminarstunden) hörend oder dozierend nachweist oder den Nachweis durch Veröffentlichungen in entsprechenden Fachzeitschriften erbringt. 5 der 15 Seminarstunden können im Selbststudium absolviert werden, sofern eine Lernerfolgskontrolle erfolgt. Die auf den Besuch des Fachanwaltskurses entfallenden Stunden werden auf die Fortbildungsverpflichtung in diesem Jahr angerechnet.

Quelle: Wikipedia